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Vereinskroniken: Januar – Juni 2013

26th August, 2013

KENNTNISSE ÜBER DAS UNGARTUM

Europa”-Club

 Januar – Juni 2013

 

            Höre ich die verschiedenen ungarnfeindlichen Äußerungen oder lese die voreingenommenen Zeitungsartikel, entsteht in mir immer mehr die Überzeugung, dass die Österreicher zumeist sehr wenig über uns wissen, und was sie wissen, auch das ist in der Regel falsch. Zu einer heiß ersehnten friedlichen nachbarschaftlichen Koexistenz wären allerdings bessere Kenntnisse über das Ungartum sehr vonnöten. In der heutigen Zeit müssten wir uns intensiver dieser Aufgabe stellen.

Schauen wir uns mal an, inwieweit der „Europa“-Club diesem Aufgabenbereich in der ersten Jahreshälfte 2013 gerecht wurde.

 

            Am 10. Januar war  PÁL CSÁKY, Politiker und Publizist aus der Slowakei, dem ehemaligen Oberland,  unser erster Gast.  In seinem Vortrag zur Buchpräsentation mit dem Titel  Álom a szabadságról (Traum über die Freiheit) ging er auf die spannende Frage ein, was mit den Ungarn in der Slowakei  in der heutigen Zeit passieren wird, wer sie rettet. „Es ist unsere Pflicht, Freunde und Unterstützer zu suchen. Es ist aber auch unsere Pflicht, die Selbstaufgabe abzulehnen. In erster Linie können wir uns selbst vertrauen. Keiner kann uns retten, wenn wir es nicht wollen, wenn wir verunsichert sind, wenn wir unseren inneren Halt seelisch verlieren. Den uns zufallenden Teil der Arbeit müssen wir selbst durchführen“,  erklärte Pál Csáky.

 

Am 17. Januar berichtete Dr. GÁBOR MARGITTAI, Sachbuchautor, Kritiker, Essayist, Journalist, Literaturhistoriker, Redakteur und Universitätsdozent, in seinem Dia-Vortrag mit dem Titel  Junge Frau von Trianon – unser Dasein in der Diaspora im Karpatenbecken  darüber, dass ihn die Nostalgie nach den einsehbaren Verlusten, die Suche nach der Wahrheit dazu zwangen, Randgebiete der Ungarn im Ausland immer aufs Neue aufzusuchen. Und zwar bei weitem nicht  jene Regionen, in denen noch Mensch und seine Gemeinschaft in relativer Sicherheit leben können, ihre Grenzen im Block, jedoch in geistiger Igelstellung schützen, sondern Orte, wo die Präsenz der Ungarn nur noch dahin vegetiert, im Sterben liegt oder nur noch in Spuren entdeckt werden kann.

 

Am 24. Januar fand die Vollversammlung unseres Vereins statt. Da es dieses Jahr laut Statut keine Vorstandswahl gab, ist das Leitungsgremium des „Europa“-Club das alte geblieben. Nach der Vollversammlung  hielt der Vorsitzende des Vereins, Dr. ANDRÁS SMUK einen Video-Vortrag über die ungarischen Gedenkstätten im Banat, wo der Verein im Jahr 2012 eine Studienreise veranstaltet hatte. Dieser Landstrich hatte die bunteste ethnische Zusammensetzung im historischen Ungarn und war eines der wirtschaftlich am besten entwickelten Gebiete der Monarchie. Zum einen ergibt es sich  daraus, dass diese Gegend an Sehenswürdigkeiten keinen Mangel leidet. Die Naturschönheiten und die architektonische Vielfalt machten die Reise abwechslungsreich und interessant, wie z. B. die vertikalen Felsenwände, zwischen denen die gewaltige Donau wogt und wo man das größte Cańon-System Europas mit den einst wichtigen mittelalterlichen ungarischen Grenzfestungen von Szendrő und Galambóc sehen kann.

Es war von uns ein Pflichtprogramm, den Schauplatz des welterschütternden historischen Sieges bei Nándorfehérvár (heute Belgrad) aufzusuchen. Der sich 1456 mit einem Riesenheer nähernde Sultan belagerte die Stadt, jedoch gab die osmanische Armee den Kampf auf, dank des heldenhaften Einsatzes der Verteidiger der Burg, des Burgkapitäns Mihály Szilágyi, sowie der Entsatzarmee unter Leitung von János Hunyadi und dem Heiligen Giovanni da Capestrano. Diesem Sieg ist die Tatsache zu verdanken gewesen, dass die Türken 65 Jahre lang keinen Angriff mehr gegen Ungarn starteten. Die täglichen Mittagsglocken in den christlichen Ländern der Welt verkünden seither diesen Triumph von Nándorfehérvár.

 

Am 7. Februar suchte der Historiker Dr. LÁSZLÓ TŐKÉCZKI, lehrstuhlleitender Professor an der Budapester Universität  ELTE,  in seinem Vortrag mit dem Titel Ungarisches Zukunftsbild  – da die Spaltung der ungarischen Gesellschaft fast als soziologischer Gemeinplatz erscheintdie Antwort darauf, ob die spaltenden Kräfte in uns in der Tat tief verwurzelt, sogar zum Teil unserer Persönlichkeit geworden sind und ob sie eine objektive Basis hätten oder ob es lediglich um ein künstlich geschürtes Gefühl  geht.

 

Am 23. Februar  trat die Schauspielerin ÁGNES KAKUTS, Ehrenmitglied des Staatlichen Ungarischen Theaters von Kolozsvár/Klausenburg  in ihrem Programm mit dem Titel Árva élet (Verwaistes Leben)  mit autobiografischen  Bekenntnissen, Volksliedern und  -balladen der Tschangos  auf. Sie stellte das Schicksal einer Tschango-Mutter von 16 Kindern, aufgrund eigener Erzählung dar.

 

Am 7. März hielt Dr. GÉZA PÁLFFY, Leiter der Forschungsgruppe der Heiligen Krone beim Geschichtswissenschaftlichen Institut des Philologischen Forschungszentrums des Ungarischen Akademie der Wissenschaften auf Einladung des „Europa”-Club und des Ungarischen Historischen Instituts in Wien einen Vortrag im Wiener Collegium Hungaricum. Vor den zahlreich erschienenen Zuhörern erklärte der Historiker: Die systematische Untersuchung der Krönungen ungarischer Herrscher in der Frühneuzeit ist eine alte große Schuld der ungarischen Wissenschaftlichkeit. Obwohl die Krönungszeremonie ungarischer Könige und  die unterschiedlichen Schauplätze der Zeremonien (vom 16. bis 20. Jahrhundert Székesfehérvár/Stuhlweißenburg, Pozsony/Preßburg, Sopron/Ödenburg, Buda/Ofen und Budapest)  auch aus europäischer Sicht zahlreiche Besonderheiten aufweisen, stammt die einzige neuerliche umfassende Verarbeitung des Themas von einem slowakischen Autor  (Štefan Holčík).

 

Am 13. März veranstalteten die Mitgliedsvereine des Rundtisches Ungarischer Organisationen in Österreich zum Gedenken an die REVOLUTION UND DEN FREIHEITSKAMPF 1848/49   eine Kranzniederlegung bei der Bessenyei-Büste in der Parkanlage vor dem Wiener Palais Trautson. Nach einer kurzen Festansprache folgte die Darbietung der mitwirkenden Wiener Bande (Bécsi Banda)  mit Kossuth-Liedern und der  AMAPED-Schüler mit Gedichten. Anschließend gab die Botschaft von Ungarn aus diesem Anlass einen Empfang.

 

Am 21. März behandelte Universitätsdozent Dr. JÓZSEF BOTLIK, Minderheitenforscher und Historiker (Katholische Universität Péter Pázmány) in seinem Diavortrag das Thema  Das Schicksal Westungarns und der Ungarn in den Wart zwischen 1918-1945. Er hob hervor, dass der ruhmreiche westungarische Aufstand 1921 als erstes die Schellen von Trianon zerbrach und durch die Volksabstimmung in Sopron erreichte, dass ein bereits abgetrenntes Teilgebiet wieder dem Mutterland angeschlossen wurde. Als Ergebnis des zweiten Aufstandes im Juli 1922 konnten die Dörfer im Pinka-Tal „heimkehren“. József Botliks Werk, das auf weitläufigen Recherchen basiert, dokumentiert den Vorgang der Festsetzung der neuen Staatsgrenze, die massenhafte Landesverweisung von (namentlich genannten) ungarischen Angestellten im öffentlichen Dienst, sowie den weiteren Verlauf der österreichischen bzw. von 1938 an der deutschen Politik der großen Einschmelzung.

 

Am 13. April stellte sich die schwäbische Kultur von  Dunabogdány in Wien vor.  „Als eine in Ungarn lebende Nationalität, eine auf ihre Kultur stolze Minderheit leisten wir unseren Beitrag zum kulturellen Reichtum des Landes. In treuer Pflege unserer Traditionen sind wir Teilhaber und kundige Kenner zweier Kulturen“, führte András Liebhardt (Kulturreferent des Ortes) in seiner Einleitung aus. Nach der deutschsprachigen Aufführung eines Burlesken von Károly Nóti trat der Bogdaner Singkreis mit Blasmusik-Begleitung auf. Anschließend sorgten die Bogdaner Dorfmusikanten für eine wahrhaftige schwäbische Stimmung. Nach der Präsentation der Kultur der Schokatzen von Mohács, der Ponzichter von Sopron, der Heidebauer von Mosonszentjános und der Kroaten von Kópháza war dies die fünfte Veranstaltung, die die Kultur einer Minderheit Ungarns in Wien vorstellte.

 

Am 27. April erzielte das KÜNSTLERENSEMBLE MAROS  (einst Staatliches Gesang- und Tanzensemble von Marosvásárhely/Neumarkt)  einen Riesenerfolg  beim Publikum.   In seinem Programm mit dem Titel  Mit den Augen gesehen, vom Herzen geliebt   boten die Künstler ausgewählte Tänze und Lieder  einiger siebenbürgischer Regionen dar, die wahre Schätze bewahren, und würzten sie mit einzelnen dramatischen  Bräuchen und Volksriten. Ganz besonders angetan war das Publikum von dem abschließenden Tanz, der in der pompösen Tracht von Kalotaszeg zu sehen war. Nach dem Riesenapplaus sangen wir noch aus Dankbarkeit gemeinsam die Szekler Hymne.

 

Am 11. Mai Im Rahmen dieser Veranstaltung (Wir hatten einmal eine Schule) erhielten Vertreter der einstigen Schüler und Lehrer, György Müller und László Tarnai als Anerkennung an das Ungarische Gymnasium Burg Kastl den Ex Libris-Preis überreicht von Lajos Gubcsi, dem Stifter des Preises und Dr. András Smuk, dem Vorsitzenden des „Europa”-Club. Als Einleitung des Programmes besichtigten wir Arbeiten des einstigen Lehrers der Schule, des Meisters der Holzschnitzerei GYÖRGY MÜLLER. Anschließend folgte ein Diavortrag von LÁSZLÓ TARNAI, Mitglied der Leitung des Vereins Burg Kastl Alumni. Zum Schluss traten die Sängerin CSILLA DURKU KECSKÈSI mit Volksliedern sowie die lustige FRAUEN-VOLKSTANZGRUPPE REGŐS  – beide aus München –  mit einem  hinreißenden Ring-Tanz aus Imreg und einem Flaschentanz aus Szatmár auf.

 

Zwischen dem 24. und 26. Mai unternahmen wir einen Ausflug, um das natur- und kulturhistorische Erbe der schönsten Gegenden im Nordungarischen   PALOZENLAND zu erkunden. Géza Gárdonyi, Kálmán Mikszáth, Bálint Balassi, Imre Madách, Márk Rózsavölgyi, Gyula Benczúr, Kálmán Csohány, Zoltán Kodály: Sie sind die bekanntesten Vertreter dieser Region, die in zahlreichen ihrer Werke die Naturschönheiten der Landschaft, die Burgruinen in den  Bergen, die unter Denkmalschutz stehenden Kirchen (z.B.  in Feldebrő, Tarnaszentmária oder Bélapátfalva), die Atmosphäre früherer Jahrhunderte, die historischen und die Volkstraditionen der Palozen (Hollókő) beschrieben haben.

Zunächst suchten wir die Gedenkstätten der siegreichen Schlachten der ungarischen Honved vom 26. und 27. Februar  1849 bei Kápolna sowie jene bei Verpelét auf. Dann folgte die Besichtigung des Nationalen Gedenkparks Recsk, wo in einem Zwangsarbeitslager von 1950-1953 etwa 1500 Menschen unter unmenschlichen Verhältnissen wegen politischer Gründe gefangen gehalten wurden. Das Denkmal (ein Werk von Ádám Farkas)  wurde 1991 eingeweiht, der Gedenkpark erst 1996 eröffnet. Nach der Besichtigung der Ausstellung legten wir einen Kranz am Denkmal, an dem wir auch  Namen einiger unserer Wiener Bekannten entdecken konnten, nieder.

Am nächsten Tag erwarteten uns eine lokalgeschichtliche Ausstellung im Museum von Pásztó (im einstigen Ordenshaus der Zisterzienser), dann die Besichtigung des einstigen Schulmeisters (eines Bürgerhauses in einem Marktflecken). Von hier aus ging die Reise weiter nach Mátraverebély (zum Wallfahrtsort Szentkút), der einer der ältesten und meistbesuchten nationalen Marien-Gnadenorte Ungarns ist (seit 2006). In der Kirche sang uns Mária Maczkó  einige Kirchenlieder.

In Hollókő, in dem Dorf, das die typischen Merkmale der Volksarchitektur der Palozen aufweist und  mit seiner Umgebung 1987 zum Weltkulturerbe erklärt wurde, feierten wir in einem typischen Folkloreprogramm einer Palozenhochzeit gerne mit.

 

 

Dr. Smuk András,  Wien,  August 2013