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Januar – Juni 2012

5th September, 2012

Die Leitung des „Europa”-Club hat die Veranstaltungsreihe für die erste Hälfte 2012 mit Freude und Engagement organisiert. Die Grundidee blieb die alte: der Dienst an der ungarischen Kultur und Bildung in Österreich und die Pflege unseres gesunden Nationalbewusstseins durch die Darstellung unserer Vergangenheit und unserer Werte.

  1. Am 19. Januar ging es in dem meisterhaft zusammengestellten Podiumsprogramm der Schauspielerin ÉVA MEISTER mit dem Titel Psalmus Hungaricus um die Sehnsucht der Ungarn nach Freiheit und um deren Freiheitskämpfe vom Rákóczi bis heute. Ausschnitte aus Werken von Endre Ady, Albert Camus, Tamás Cseh, Zoltán Czegő, Jenő Dsida, Pál Gyulai, Sándor Kányádi, Lajos Magyari, László Pesty, Sándor Petőfi, János Petrás, János Székely, Géza Szőcs, Pál Teleki, Albert Wass und Mária Wittner waren zu hören, begleitet von Kuruzzen-, Soldaten- und Volksliedern. In einem Interview sagte Éva Meister u.a.: „…man muss die Achtung vor der ungarischen Sprache und die Kenntnis der ungarischen Geschichte wiederbringen. Den Kindern muss auch beigebracht werden, unsere Sprache und unsere Geschichte mit Begeisterung aufzunehmen. Dabei haben wir Schauspieler ebenfalls eine große Verantwortung, denn es liegt vieles daran, was wir der kommenden Generation weitergeben.”
  2. Nach unserer Vollversammlung am 26. Januar stellte Dr. MIKLÓS MESSIK, Vorsitzender des Vereins für Ungarische Gedenkstätten in der Welt (ung. Abk. MEVE), in seinem Vortrag mit projizierten Bildern ungarische Gedenkstätten in Paris und Umgebung dar. In der Einleitung des zu diesem Thema verfassten Buches Messiks ist zu lesen, dass Andenken der ungarischen Kultur in Paris, in diesem „gewaltigen Kultur-Angebot“ Schritt für Schritt anzutreffen sind, wenn man weiß, wo man nach ihnen suchen muss. Die beiden Kulturen hatten sich auch mehrfach „befruchtet“. Paris entsandte zu uns die frischen Triebe seines Wissens und seiner Kunst, schätzte aber die Schönheit der Corvinas und nahm sie auf, genauso wie Munkácsys und Czóbels Kunst und die Virtuosität von Liszt und Cziffra. Die gemeinsame Welt des Geistes wurde nicht einmal durch die Geschichte erschüttert.
  3. Am 3. Februar waren zwei Künstler des Staatlichen Ungarischen Theaters Gergely Csiky aus Temeschwar, ENIKŐ SZÁSZ und Péter DUKÁSZ bei uns zu Gast. Sie führten das Stück PRAH – oder was für ein Lotteriespiel von György Spiró mit großem Erfolg auf. Der Regisseur Sándor László aus Novi-Sad meinte dazu: „Dieses Stück ist eine außerordentliche Perle der zeitgenössischen ungarischen Drama-Literatur, weil es darin unglaubliche Charakterdarstellungen und wunderbare Lebenssituationen gibt, die eine komplizierte und disziplinierte schauspielerische Präsenz verlangen.“ Enikő Szász und Péter Dukász meisterten die große schauspielerische Aufgabe auch in Wien hervorragend.
  4. Am 17. Februar stellte sich Mosonmagyaróvár in Wien vor. Bürgermeister Dr. ISTVÁN NAGY, Parlamentsabgeordneter, präsentierte seine Stadt. In seiner Rede hob er hervor, dass die Ortschaft geografisch, historisch und städtebaulich aus zwei Stadtteilen: Moson und Magyaróvár entstand ist. Während sich Magyaróvár zum industriellen und kulturellen Zentrum der Region entwickelte, war Moson eine Großgemeinde, die von Landwirten und Kaufleuten bewohnt war. Die beiden Stadtteile wurden 1939 vereint und bilden seither gemeinsam die Stadt mit nunmehr 32 000 Einwohnern. Das wichtigste Attribut von Mosonmagyaróvár ist die Burg von Óvár, die ein auf Rudimenten der einstigen römischen Siedlung im 13. Jahrhundert errichtetes und mehrfach umgebautes Gebäude mit dem Grundriss eines unregelmäßigen Vierecks ist. Der Schwiegersohn von Maria Theresia, Erzherzog Albert Kasimir von Sachsen-Teschen gründete in diesem Gebäude eine Agrarhochschule, deren Rechtsnachfolgerin die Agrarwissenschaftliche Fakultät der Westungarischen Universität ist. Nach der Einführung des Bürgermeisters fand ein Programm der klassischen Musik statt, gespielt durch Hörer der Musikschule Mihály Mosonyi. Das Wiener Publikum dankte den Jugendlichen mit großem Applaus für das hohe Niveau ihrer Interpretationen.
  5. Am 23. Februar konnten wir in der Person des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der Christlich-Demokratischen Volkspartei Ungarns, Dr. ZSOLT SEMJÉN einen hochrangigen Gast begrüßen. Das Thema seines Referates war die ungarische Nationalstrategie. Laut Semjén sei jede Nation ein einmaliger und unwiederholbarer Wert, ein spezifisches Antlitz, ein Gedanke Gottes. Keiner könne jenen Wert liefern, den das Ungartum darstellt, nur wir Ungarn.
  6. Am 9. März erhielten wir im Bildvortrag des Geografen und Direktors des Ungarischen Geografischen Museums Dr. JÁNOS KUBASSEK erstrangige Informationen über den ungarischen Orientalisten internationalen Rufes GYULA GERMANUS (1884-1979) und die Welt im Orient. Dabei erfuhren wir, dass Hadzsi Abdul Kerim, alias Gyula Germanus bis heute der berühmteste ungarische Muslime ist! Er sprach hervorragend arabisch, türkisch und persisch, er publizierte seine Werke allerdings auch in Deutsch, Französisch und Englisch! Er war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien im Ausland, darunter auch jener in Kairo. Auf Einladung von Rabindranath Tagore unterrichtete er mehrere Jahre Islam an der Universität Santiniketan in Indien. In Delhi konvertierte er zum muslimischen Glauben, nahm mehrmals an Pilgerfahrten nach Mekka teil, und war im Besitz mehrerer ausländischer Auszeichnungen – neben jener des Osmanischen Reiches. Er war Gründer und Mentor der Rechtsvorgängerin der Ungarischen Islamischen Gemeinschaft vor dem Zweiten Weltkrieg, und Generalsekretär des Kulturkomitees, das die Selbstorganisation der ungarischen Muslimen unterstützte.
  7. Am 24. März führte das Theater TEÁTRUM die ungarische Nationaloper Banus Bank von Ferenc Erkel in Wien bei enormem Publikumserfolg – in der Inszenierung des verdienten Künstlers und Jászai-Preisträgers Mátyás Dráfi – auf. Das etwa 40köpfige Orchester vollbrachte ebenfalls eine vollkommene Leistung. Der feierliche Abend begann mit der ungarischen Nationalhymne, danach erklangen die wunderbaren Akkorde der Ouvertüre der Oper. Die Musik des vor 200 Jahren geborenen Ferenc Erkel schuf bereits zu Beginn jene Stimmung, die am Ende der Opernaufführung dem Publikum eine wahrhafte Katharsis bescherte.
  8. Für den 28. April organisierten wir einen Jugendausflug nach Ópusztaszer, wo die Jugendlichen den Nationalen Historischen Gedenkpark, den Ruinengarten, die Ethnographische Freilichtsammlung, das Feszty-Rundbild und das Postmuseum Panoptikum besichtigten. Domokos Nagy, Schüler der Zentrale für Unterricht und Erziehung des Vereins Ungarischer Pädagogen in Österreich, verfasste den nachstehenden Bericht über diesen Ausflug: „In Ópusztaszer nahmen wir zunächst an einer Pferdeschau und Reitvorführung teil. Auf diese Weise konnten wir uns mit der beängstigenden Kampfweise unserer Ahnen vertraut machen und sehen, wie sie im Sattel galoppierender Pferde mit Säbeln kämpften und mit dem Bogen schossen, sogar nach rückwärts. Es war hochinteressant, die Kämpfer in zeitgenössischem Gewand gekleidet und vor allem die beiden mit uns gleichaltrigen Kinder reiten und auf eine Zielscheibe schießen zu sehen. Nach dieser Schau durften wir auch kurz reiten. Von hier aus eilten wir direkt in die damalige Schule, wo wir an einer Unterrichtsstunde teilnahmen, wie sie vor etwa 100 Jahren gehalten wurde. Der Herr Lehrer erwartete uns bereits vor der Schule mit einem langen Rohrstock in der Hand. Nachdem wir schön in Schlange standen und in aller Stille in den Klassenraum einmarschierten, durften wir uns in den Bänken hinsetzen. Mit geradem Rücken und den Händen auf den Rücken gelegt mussten wir dem Herrn Lehrer zuhören, der sehr streng war. Er teilte die Schiefertafeln und die Griffel aus. Wie gut ging es den einstigen Kindern! Sie bekamen nicht so viele Hausaufgaben, wie wir, denn man konnte auf diesen Tafeln kaum mehr als zwei Sätze schreiben. Wir lernten schnell, wie höflich man mit dem Herrn Lehrer zu sprechen hatte, denn er teilte den Jungen Schläge auf die Fingerspitzen und den Mädchen Schläge auf den Handteller sehr gern aus, für die man sich sogar auch höflich zu bedanken hatte: ‚Herr Lehrer, ich danke für die Erziehung! Wir konnten jedoch auch lernen, dass man sich nicht verunsichern lassen soll, wenn man etwas weiß. Nach der interessanten Stunde suchten wir das Feszty-Rundbild auf, was ebenfalls sehr interessant war. Árpád Feszty fertigte dieses Panoramabild über den Einzug der Ungarn ins Karpatenbecken für die Millenniumsfeierlichkeiten 1896 an. Seinen würdigen Platz in der Rotunde von Ópusztaszer erhielt es im Jahre 1995. Mir gefiel die Lösung sehr, dass das Rundbild vom Gemälde in 3D übergeht. Während wir rund herumgingen, konnten wir die verschiedenen Abschnitte des Gemäldes in der entsprechenden Beleuchtung sehen und immer auch die dazu gehörenden Töne hören. So hatten wir den Eindruck, an den Ereignissen teilhaben zu können. Am Abend legten wir, die Jungs, ein Lagerfeuer und saßen im Kreis, unterhielten uns und sangen zusammen mit den Erwachsenen. Zum Frühstück deckte man die Tische in der Tscharda. Hier erinnerte uns alles an die Betyaren, an den Wänden hingen z.B. Fotos vom berühmten Sándor Rózsa. Nach dem Frühstück brachen wir auf, um eine Stadtbesichtigung in Szeged zu machen. Unser Fremdenführer erzählte die Geschichte der Stadt und zeigte uns die wichtigsten Gedenkstätten. So hörten wir über Hexenverbrennungen und sahen, von wo die Pick-Salami ihre Reise um die Welt unternommen hat. Wir besichtigten, wo Albert Szent-Györgyi gewirkt hatte, und erfuhren, welch große Zerstörung durch das Hochwasser im März 1879 entstanden war. Wir bewunderten den Platz, der nach dem Muster des St. Markusplatzes in Venedig gestaltet wurde, sowie den Dom, vor dem die Freilichtspiele im Sommer stattfinden. Wir gingen an der Universität vorbei, wo der Herr Professor Antal Horger den Dichter Attila József nach der Veröffentlichen seines Gedichtes Tiszta szivvel (Reinen Herzens) von der Universität abriet. Nachdem wir das feine Eis der Konditorei Virág auf dem Klauzál-Platz gekostet hatten, erfuhren wir, wie Königin Elisabeth den Wiederaufbau der Stadt unterstützte. Nach der aufschlussreichen, allerdings ermüdenden Stadtbesichtigung nahmen wir eine köstliche Fischsuppe in der Fisch-Tscharda Kiskörössy zu uns, durch deren Fenster wir direkt den Zusammenlauf der Flüsse Mieresch und Theiß erblicken konnten.“
  9. Am 10. Mai gedachten wir Béla Bartók im Rahmen eines hervorragenden Vortrages von Prof. Dr. ÉVA RADICS von der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz. Bartók war von erhabenen Ideen durchdrungen und auf seiner Laufbahn begleitet. Als 22jähriger schrieb er seiner Mutter folgenderweise: „Jeder Mensch, der sich zum Mann entwickelte, muss feststellen, für welch ideelles Ziel er kämpfen will, damit er die Art und Weise seines gesamten Wirkens, jede seiner Handlungen demnach gestaltet. Ich für meinen Teil werde in meinem ganzen Leben in jeder Hinsicht, zu jeder Zeit und auf jede Art und Weise einem Ziel dienen: zur Wohle ungarischen Nation und der ungarischen Heimat.“ Musikeinlagen machten den Vortrag noch lebendiger. Die Zuhörer sangen gemeinsam mit den Vortragenden das Volkslied Elindultam szép hazámból, das Bartók im Komitat Békés gesammelt hatte. Das virtuose Spiel des Pianisten Balázs Szokolay und der Violinistin Édua Zádory feierte das begeisterte Publikum mit stürmischem Beifall. (Bericht von László Sas)
  10. Zwischen dem 31. Mai und dem 4. Juni wurden die Interessenten zu einer außerordentlichen Reise eingeladen. Die Burgen des 1920 Serbien angeschlossenen Teiles des historischen Ungarn (Nándorfehérvár, Zimony, Galambóc, Szendrő) sowie die kulturellen und volkstümlichen Werte der von Ungarn bewohnten Städte (Nagybecskerek, Muzslya, Elemér, Versec) und Dörfer (Hertelendyfalva, Székelykeve, Torontálvásárhely) des BANAT haben wir aufgesucht, aber unvergessliches Erlebnis boten uns auch die schönsten Landschaften des Unteren Laufs der Donau (die Engpässe Kis-Kazán, Nagy Kazán, das Eiserne Tor), die uns an die einschlägigen Geschichten des Dichters János Arany (Frau Rozgonyi) und des Romanciers Mór Jókai (Der Goldmensch) erinnerten. Abgestiegen sind wir in Székelykeve, in der südlichsten, mehrheitlich von Ungarn bewohnten Ortschaft des ungarischen Sprachraumes, wo wir einige Tage gemeinsam mit den Dorfbewohnern in aller Freundschaft verbrachten.

Im Herbst wird das neue Jahrbuch des Vereins die Druckerei verlassen, das diesmal den Titel Unsere Vergangenheit und Zukunft in Europa trägt. Auch dieser, nunmehr 19. Band beinhaltet interessante Artikel und Beiträge. Unseren unterstützenden Mitgliedern werden wir das neue Buch während der Veranstaltungen im kommenden Herbst überreichen.

Gern verweisen wir auf unsere ständig aktualisierte Homepage (www.europaclub.at), wo neben den Grunddokumenten des Vereins die Einladungen zu den aktuellen Veranstaltungen, Berichte und verschiedene Artikel sowie Aufnahmen (z.B. Gruppenbilder der Ausflüge) zu finden sind.

Wir sind zuversichtlich und hoffen, dass all diese Programme eine wichtige Rolle im Zusammenschluss des Gemeinschaftslebens in Wien, in der kontinuierlichen Festigung unserer nationalen Identität sowie der Erhaltung und Weiterentwicklung der ungarischen Sprache und Kultur spielen. Die Rundreisen im Karpatenbecken sowie die Einladung der Theater der ungarischen Minderheit aus diesem Raum haben auch eine spezifische Aufgabe zu erfüllen: und zwar die kulturellen Beziehungen zu den Ungarn zu pflegen, die auf den abgetrennten Gebieten leben. Die Interessenten können berechtigt darauf vertrauen, dass die Vereinsleitung auch weiterhin eine Maß haltende kulturelle Tätigkeit ausgeglichener Geistigkeit auszuüben bemüht ist

Wien, September 2012 Dr. Andreas Smuk