www.europaclub.at

VEREINSCHRONIK September – Dezember 2011

19th Januar, 2012

Unser Verein, der „Europa”-Club, bietet den in Österreich lebenden Ungarn seit nunmehr 47 Jahren ein Kulturforum damit sie ihre eigene Identität leichter bewahren können bzw. ihr Bewusstsein zur Zusammengehörigkeit festigen. Unser primäres Ziel bestand von Anfang an darin, daß wir die ungarische Kultur und – nach Möglichkeit – die ungarische Sprache vermitteln. Trotzt dem undurchdringlichen Eisernen Vorhang gelang es den Ungarn in ihrer neuen Heimat die mitgebrachten nationalen Werte und Traditionen zu behalten und nicht desto weniger ihre Identität. Dazu leistete der „Europa“-Club mit seiner jeweiligen Leitung einen wertvollen Beitrag. Dank der umsichtigen Programmgestaltung gab es im Herbstsaison 2011 mit neun selbständigen und zwei mit dem Collegium Hungaricum gemeinsam veranstalteten Produktionen ein reiches Programm Angebot.

1. Vom 7. bis 12. September begaben wir uns auf eine Gruppenreise nach Paris um jene Palais, Häuser, Plätze, Strassen und Cafés aufzusuchen, wo namhafte Ungarn gelebt, gewirkt, sich gefreut oder gelitten hatten. Zu diesen gehörte unter anderem Endre Ady, Miklós Radnóti, Attila József, Gyula Illyés, Ferenc Liszt und noch viele Andere. Wir waren daran, auch jene historische Gedenkstätte zu besichtigen die mit Ungarns Geschichte so unrühmlich verbunden ist wie z.B. das Palais- Trianon in Versailles oder ruhmreich wie das Denkmal-Rákóczi in Yerres. Obwohl wir sechs Tage lang mit unserem ausgezeichneten Fremdenführer István Szirbek – mal unterm bewölkten, mal unterm blauen Himmel – in Paris zu Fuß unterwegs waren, mussten wir schließlich einsehen, dass die paar Tage für unser Vorhaben zu kurz sind. Um die von Schritt zu Schritt auffindbaren ungarischen Gedenkstätten in der französischen Hauptstadt eingehender kennen lernen zu können, bräuchten wir mehr Zeit. Von unseren Landsleuten die in Paris leben haben wir erfahren, dass das ungarische gesellschaftliche Leben – im Vergleich zu dem in Wien existenten nur in relativ engem Kreise stattfindet.

2. Am 22. September präsentierte uns Dr. Gyula Popély (Párkány/Sturovo/), Professor an der Reformierten Universität Gáspár Károli, seine Monografie „Felvidék 1914-1920“ (Oberungarn, heute: Slowakei). Dr. Popély erörterte in seinem Vortrag, dass eine bewaffnete Selbstverteidigung nach der Teilung Ungarns laut Vertrag von Trianon 1920 nicht aussichtslos gewesen wäre: man hätte mit realen Chancen erkämpfen können, dass die örtliche Bevölkerung über ihr Schicksal selbst entscheidet.

Der Historiker Dr. Ernő Raffay, Dozent an der Reformierten Universität Gáspár Károli, stellte uns sein Buch mit dem Titel „Szabadkőművesek Trianon előtt 1867-1918 között” (Freimaurer vor „Trianon“ zw. 1867- 1918) vor, wobei er auf die gegen die Nation gerichtete Zersetzungsarbeit der Geheimorganisation vor „Trianon“ einging.

3. Am 8.Oktober gastierte bei uns ein Kulturverein, der die kroatische Kultur von Kópháza/Kohlenhof in Wien vorstellte. Fast die Hälfte der Einwohner dieser Ortschaft bei Sopron gehört in Ungarn der kroatischen Minderheit an. Daher erfolgt die Erziehung im Kindergarten und in der Schule auch in kroatischer Sprache. In der Gemeinde gehört die Selbstverwaltung der Minderheit. Die kulturelle Aktivität der Kroaten ist vielseitig. Ihr örtlicher Verein der Koljnofski tamburaši unterhält enge Beziehungen auch zu den burgenländischen Kroaten. Die Gastvorstellung der Kroaten gaben die Tamburizzaspielern und das Tanzensemble Koljnofsko Kolo von Kohlenhof.

4. Am 22. Oktober gedachten wir der Ungarischen Revolution 1956 mit einer Speerholzaufstellung (ein Grabholz) in Jánossomorja. Diese Gedenkfeier wurde gemeinsam mit der Selbstverwaltung von Jánossomorja an der Straße Richtung Andau (Mosontarcsa) abgehalten, wo vor 55 Jahren die Menschen Ungarn massenweise verlassen hatten. Der Botschafter Ungarns in Wien, Vince Szalay-Bobrovniczky, sprach über die Bedeutung der Oktober – Ereignisse 1956. Er räumte ein, dass die Revolution ist die größte Tat Ungarns im 20. Jahrhundert, die den Namen „Ungarn“ zum Synonym von Mut werden ließ. Der Botschafter hob in seiner Rede hervor, dass Österreich durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus Ungarn selbstlose Hilfe leistete. Diese Solidarität hat die Redewendung geschaffen: „die Ungarn sind heute Österreichs sympathischster Nachbar. Nach der Gedenkfeier hat der Bürgermeister Károly Kurunczi im Beisein von András Smuk und dem Herrn Botschafter Vince Szalay-Bobrovniczky das am „Weg der Flüchtlinge“ aufgestellte Speerholz im Kreise von hunderten Teilnehmern gemeinsam enthüllt.

5. Am 5. November haben wir das 7. Mal eine ökumenische Gebetstunde und Kreuzniederlegung in Bad Deutsch Altenburg gefeiert. Der Journalist Lajos Bierbaum aus Mosonmagyaróvár schrieb uns: „Wir bedanken uns für die Feier zum Gedenken an die Toten im Rahmen eines ökumenischen Trauer-Gottesdienstes am 5. November in Bad-Deutsch Altenburg und für die Organisation der Kranzniederlegung. Das Fest und die Gedenkfeier, die in der Marienkirche das siebente Mal stattfanden, waren von hohem Niveau und beispielhaft. Etwa 200 Teilnehmer aus dem Mutterland, der Slowakei und Siebenbürgen waren dabei anwesend. An der Organisation dieser Feierlichkeit nahm bereits auch der ungarische Staat teil, daher sprechen wir unseren Dank an dem Herrn Botschafter Vince Szalay-Bobrovniczky für seine Arbeit an der Veranstaltung dieser Feier und für seine Mitwirkung aus.“

6. Am 10. November hielt der Minister für Landesverteidigung in Ungarn Herr Dr. Csaba Hende, auf Einladung des „Europa”-Club einen Vortrag mit dem Titel „Ungarn in der Europäischen Union“. In seinem Referat hob der Minister hervor, dass die EU eine Einheit aufzuzeigen hat, denn die europäischen Staaten können sich nicht allein der wirtschaftlichen Konkurrenz der aufstrebenden Staaten stellen. Falls die EU keine Einheit aufweisen kann, wird sie trotz ihrer Wirtschaftserfolgen ein „politischer Zwerg“ bleiben. Er betonte, daß die EU in Europa gegenwärtig auch eine wichtige stabilisierende Rolle spielt, die sie nicht ihrer Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sondern in erster Linie ihrer purer Existenz und ihrer Partnerschaftspolitik zu verdanken hat. Csaba Hende meinte weiter, dass Europa bereit sein müsse, um eine immer entschiedenere Rolle zu übernehmen vor allem in den zu seiner unmittelbaren Interessensphäre gehörenden Regionen wie z.B. der Balkan, im Falle der Not zu handeln.

7. Am 19. November führte die Zivilgesellschaft für Theater aus Révkomárom (Komárno), T E Á T R U M die musikalische Komödie in drei Akten von Imre Éri-Halász – Mihály Eisemann – István Békeffi mit dem Titel E g y c s ó k é s m á s s e m m i . (Ein Kuss und nichts weiter) auf. In diesem wahrhaftig guten boulevard Songspiel waren reichlich ausgezeichnete Figuren vorhanden, mit fantastischen Melodien, mit vieler Liebe und mit einer feinen Ironie zu sehen bzw. zu hören gewesen. Das Wiener Publikum von rund 250 Zuschauern hat sich köstlich amüsiert.

8. Am 3. Dezember trat im Rahmen unser Jugendprogrammes die Budapester Tükrös-Kapelle auf. Ihr verkündetes Ziel ist es die ungarische Volksmusik zu vermitteln, sie stilsicher-authentisch und in unterhaltsamer Form vorzutragen. Die zahlreich erschienenen Kinder sangen und tanzten begeistert mit den Musikern zusammen mit.

9. Am 18. Dezember luden wir die Club-Mitglieder und die Mitglieder der Ungarischen Reformierten Seelsorgerdienstes in Wien zu dem bereits traditionellen Adventskonzert und anschließender Bewirtung ein. In dem stimmungsvollen Programm in der übervollen reformierten Kirche in der Wiener Innenstadt traten der ungarischer Franz-Liszt-Chor sowie die Cellistin Anna Klucsik und die Pianistin Ana Ospina auf. Als Ehrengast war auch Ungarns Botschafter in Wien, Herr Vince Szalay-Bobrovniczky anwesend. Nach dem Programm beschenkten wir die Anwesenden mit Büchern aus dem Nachlass des päpstlichen Prälaten und ehem. Vorsitzenden unser Vereines, Géza Valentiny, der am 1. Juni 2011 verstorben war.

10. Unter den gemeinsam mit dem Collegium Hungaricum organisierten Programmen sind der „Tamás-Cseh-Gedenkabend“ (13. Oktober) und die Aufführung des Dokumentarfilmes über den „Imre-Nagy-Prozess“ (7. November) zu erwähnen. Beide Veranstaltungen waren sehr gut besucht.

Die Einladungen bzw. die Bildaufnahmen und Videofilme über unserer Veranstaltungen kann man auf der

laufend aktualisierten Homepage des Vereins unter: www.europaclub.at besichtigen.

Am 15. Dezember haben wir im Stammsitz des Ungarischen Schriftstellerverbandes in Budapest den 18. Band unserer Jahrbuchserie (diesmal mit dem Titel Noé bécsi bárkája/Die Wiener Arche Noah), sowie den am gleichen Tag erschienenen 2. Band über unseren Vereinsreisen „Nemzeti zarándoklatok és honismereti

körutak (2000-2010)“ /Nationale Pilgerreisen und landeskundliche Rundreisen(2000-2010)präsentiert.

Abschließend würden Sie mir erlauben einen Gedanken von Pater Csaba Böjte zu zitieren: „Unsere Mission und uns von Gott auferlegte Aufgabe ist es, unsere sich langsam dahin schmelzenden Werte nicht hinzunehmen und betrauern, sondern zu bewahren, um unsere Gemeinschaft weiter aufzubauen.“

Wien, 28. Dezember 2011.

András Smuk