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Januar – Juni 2011

5th August, 2011

Da die Muttersprache das wichtigste und in der Tat das einzig unbestrittene Merkmal unserer Zusammengehörigkeit und das Motiv unserer Organisation darstellt, ist es mehr als verständlich, dass der „Europa”-Club deren Pflege als Hauptziel in seinen Programmen betrachtet. Die Muttersprache gilt natürlich nicht nur und auch nicht in erster Linie als Ziel, noch weniger als Selbstzweck: eher ist sie ein Mittel, ein Rahmen jener allgemeinen humanen, naturwissenschaftlichen und technischen Bildung, die man sich am effektivsten gerade durch sie aneignen kann.

Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass dem Kennenlernen der ungarischen Geschichte und Literatur und überhaupt: der nationalen Kultur und der nationalen Selbsterkenntnis im Prozess des Selbststudiums ein besonderes Gewicht zukommt.

1. Am 13. Januar fand die ordentliche Vollversammlung des „Europa”-Club über das Jahr 2010 statt. Nach den Berichten zeigten wir den Videofilm von Mag. Péter Kotsis über die kulturhistorische Reise des Vereins in Westsiebenbürgen (im Komitat Bihar und im Erzgebirge). Zoltán Tófalvi verfasste einen ausführlichen Bericht über diesen Ausflug, den wir in dem in Vorbereitung befindlichen Jahrbuch veröffentlichen werden.

2. Am 27. Januar präsentierten wir die Kultur der deutschsprachigen Minderheit, die zwischen der Donau und dem Neusiedler-See, auf dem sog. Heideboden lebt und ihre Religion und ihre Traditionen pflegt.

Nach den Grußworten des Bürgermeisters von Jánossomorja, dr. KÁROLY KURUNCZI, machte uns GYÖRGY LŐRINCZ, Direktor des Kulturhauses Bálint Balassi anhand eines Bilder-Vortrages mit der Kultur der nach dem Mongolensturm niedergelassenen deutschen Bevölkerung vertraut. In dem heiß diskutierten Programm traten der Kammerchor Canto Excolo, das Volkstanzensemble Tititá und der Bläserverein von Jánossomorja auf.

3. Am Samstag, den 12. Februar besuchten wir mit großem Interesse das Ungarische Nationalmuseum und das Parlament. Im Museum besichtigten wir unter Leitung Führung von Generaldirektor dr. László Csorba die Gedenkausstellung, die dem Schaffen von Graf István Széchenyi, dem sog. Größten Ungar, gewidmet war und die einen außerordentlich tiefen Einblick in das Leben des „Vordenkers unserer Nation“ vermittelt hat. Anschließend suchten wir das weltweit zu den Raritäten zählende Gebäudeensemble, das Parlament auf, wo wir auch die ungarische Heilige Krone, eine der ältesten genutzten und bis heute intakt gebliebenen Kronen Europas bewundern konnten.

4. Am Donnerstag, den 18. Februar, präsentierte Melinda Sebestyén ihr individuelles, aus szeklerischen Volksballaden zusammengestelltes Abendprogramm unter dem Titel Párjavesztett im Collegium Hungaricum. Dargeboten wurden unter anderem die bekannten Balladen Hej páva, Anna Molnár, Ilona Budai, István Fogarasi, Kata Sallai Szép usw., die die Themen Treue und Untreue, Eifersucht, Ehebruch und generell die Liebe behandelten.

„Die Balladen mag ich sehr, ihr Tiefgang fasziniert mich immer wieder. Je mehr ich mich mit ihnen auseinandersetze, umso mehr habe ich das Gefühl, dass sie mehr und tiefer in meine Seele eindringen können. In diesen in Versen verfassten Tragödien geht es um betrogene Ehemänner und unglückliche Frauen, um böse Mütter und verzweifelte Kinder und Geschwister: das sind wahrhafte menschliche Schicksale, einfach und konkret formuliert“, sagte dazu Melinda Sebestyén.

5. Am 10. März berichtete der Journalist und Experte Gábor Margittai in seinem hochinteressanten Vortrag mit dem Titel Mi a madzsar? (Was ist ein Madzsar?) über Volksgruppen in Asien, Afrika und Europa, die sich nach verstrichenen vielen Jahrhunderten, ohne jegliche Beziehung zum eigentlichen Mutterland zu ihrer ungarischen Abstammung bekennen. Dabei verfolgte er die Spuren der großen Vorgänger wie Ármin Vámbéry, László Almásy, Gyula Illyés und Klosterbruder Julianus. Zu diesen Volksgruppen gehören die Madzsaren in der Türkei, die Madjaren in Kasachstan, die ungarische Kolonie in der Provance sowie die sog. Magyaraben im Sudan. Unter den Teilnehmern im Publikum gab es auch einen Mann aus dem Sudan, der in Ungarn studiert hatte und daher gut ungarisch sprach. In seinem Diskussionsbeitrag ging er auf seine persönliche Begegnungen mit Magyaraben ein. Ein mit ihm geführtes Interview wird in unserem Jahrbuch 2011 veröffentlicht.

6. Am 25. März fand die Aufführung des Monodramas von Péter Tarics über Kardinal József Mindszenty im Großen Saal des Collegium Hungaricum statt, mit Imre Boráros in der Rolle des Primas, mit Anna Petrécs in der Rolle seiner Mutter, während Péter Tarics die Rolle des Richters spielte. Das Stück, das zum 35. Todestag von Kardinal Mindszenty geschrieben wurde, spielt im Zeitraum von 1948 bis 1975 in Esztergom, Budapest (Andrássy út 60.), Püspökszentlászló und Felsőpetény, im ungarischen Parlament und auf Budapester Strassen, in der amerikanischen Botschaft in Budapest sowie in Wien und Belgien. Das Theaterstück in sechs Akten vertritt eindeutig die historische Treue, wobei der standhafte Opferwille des Kardinals seinen Anhängern, seinem geliebten Gott und seiner ungarischen Heimat gegenüber unterstrichen wird. Das österreichsche Fernsehen ORF hat von diesem Abend einen Mitschnitt gemacht.

7. Am 7. April präsentierte der Essayist László Domonkos sein Werk aufgrund historischer Recherchen mit dem Titel Nagyenyedi ördögszekér. In Süd-Siebenbürgen gibt es kaum eine Ortschaft, wo wir keinen Toten zu betrauern hätten, sagte Domonkos. In den Jahren 1848/49 begann in dieser Gegend eine systematische Volksausrottung, wie auch in den von den Serben belagerten Gebieten. Was der Mongolensturm, die Türkenbelagerung und die Bauernaufstände nicht vollenden konnten, das taten die rumänischen Freitruppen – bei widersträubender jedoch standhafter Österreichischer Unterstützung: die südlichen Regionen Siebenbürgens wurden ein für allemal entmagyarisiert. Und man muss doch wissen: die Volksausrotter auf dem Balkan haben die peinvollsten und erniedrigendsten Formen der Tötung gewählt.

8. Am 9. April wurde Wien Kézdivásárhely (Rumänien) angeschlossen, denn an diesem Tag eroberte das Städtische Theater von Kézdivásárhely die einstige Kaiserstadt. Ist denn die Schlacht von Mohács gekommen? – so hieß ihr Kabarett mit Musik und Tänzen, in dem eine hinreißende Komödie voller Missverständnisse und frappanter Pointen dargeboten wurde. Es gab ein Wiedersehen mit Hacsek und Sajó, der Gnädigsten, die Seitensprüngen nicht abgeneigt ist, dem gehörnten Zirkusdirektor, dem Einbrecher als Pechvogel, dem lebendig-toten Ehemann, dem verrückten Pseudopolitiker usw.

9. Am 7. Mai war der Große Saal des Collegium Hungaricum aus Anlass des Treffens Ungarischer Volkstänzer aus Österreich bis zum letzten Platz voll: in der gemeinsamen Veranstaltung des „Europa“-Club, des Collegium Hungaricum und des Wiener Ungarischen Kulturvereins Délibáb traten die Volkstanzgruppe Virgonc aus Alsóör, die Ungarische Volkstanzgruppe aus Örisziget, die Gruppen Napraforgók und Délibáb sowie die Kinder-Tanzgruppe Szivárvány aus Wien auf.

10. Am Donnerstag, den 19. Mai veranstalteten wir ein Franz-Liszt- Gedenkkonzert. In diesem Programm traten drei Solisten: Katarina Perencseiová, Sopran (Slowakei), Barbara Gisler-Haase Flöte (Österreich) und Sara Bryans, Klavier (Irland) der von der Musikpädagogin Ágnes Katona gegründeten „Internationalen Donauphilharmonie” auf. Das Musikprogramm führten Dr. Josef Wiedenhofer, Direktor der Liszt-Gesellschaft Burgenland bzw. Mag. Eduard Kutrowatz und Mag. Johannes Kutrowatz, Intendanten des Liszt-Festivals Raiding (Doborján) in deutscher Sprache ein. Wir waren hoch erfreut, dass diesem Abend auch zahlreiche österreichische Gäste beiwohnten.

11. Zwischen dem 1.-5. Juni  haben wir die Interessenten ins ungarische Komitat Someingeladen. Ins jene edle Komitat, an welches ich mich immer mit idyllischer Hingabe erinnere…“, schrieb einst der Dichter Csokonai. Wir sind überall mit großer Begeisterung aufgenommen worden. Dank dem hohen Fachwissen unseres ausgezeichneten Reiseleiters war es kein Wunder, dass sich unsere 48köpfige Reisegruppe mit großem Interesse mit den sakralen, architektonischen, kulturellen und ethnografischen Werten der Ortschaften Buzsák, Somogyvár, Nikla, Nagyatád, Kaposvár, Kaposszentjakab, Szenna, Szigetvár, Csurgó und Segesd  sowie den hügeligen, einst von den Betyaren bewanderten Gegenden vertraut gemacht hat. Bleibende Erinnerungen hinterließ unsere Fahrt mit der Schmalspurbahn von Kaszó bzw. die Schifffahrt auf der Drau. Ein rührender Brief erreichte uns aus Csurgó: „Seit über 20 Jahren führe ich unsere Besucher, es hat aber noch nie eine Gruppe wie Ihre gegeben, die so viel Respekt vor Csokonai hat und ihn so gut kennt, die weder aus Debrecen kommt, noch aus ehemaligen Schülern aus Csurgó besteht, und dennoch einen Kranz an der Statue unseres geliebten Dichters niederlegt und sich mit so viel Interesse und Aufmerksamkeit der Schule und der Bibliothek zuwendet. Von jener großzügigen Spende gar nicht zu reden, der ohne Beispiel unter unseren Besuchergruppen steht und für den wir uns bei Ihnen allen  herzlich bedanken! Sie wird dafür verwendet, was für uns sehr wichtig ist und wofür wir seit Jahren keine Mittel hatten: für die Beschaffung jüngster Belletristik und Fachliteratur für unsere Schüler.“

Wenn es uns gelungen ist, ein gewisses positives, patriotisches Gefühl ins Gedächtnis unserer Kinder und Enkelkinder einzuprägen, war unsere Arbeit nicht vergeblich. Unsere Tätigkeit ist auch eine Botschaft an die ungarische Nation: wir sind hier, wir leben und lieben unsere Kultur, unsere Sprache.

Wien, 2. August 2011 Andreas Smuk