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Vereinschronik Januar – Juni 2010

27th Februar, 2011

„EUROPA”-CLUB

www.europaclub.at Wien, 03.08.2010

VEREINSCHRONIK

Januar – Juni 2010

1. Die Kultursaison 2010 begann am 14. Januar mit dem Vortrag Die Fünfzackenpfeife – Verhaltensformen der zeitgenössischen ungarischen Literatur von LAJOS SZAKOLCZAY, Literaturhistoriker, Kritiker und Autor zahlreicher Anthologien (Budapest). Gyula Illyés nannte die ungarische Literatur eine „Fünfzackenpfeife”, deren einzelne Zacken je eine in der Fremde fungierende ungarische Literatur darstellt. Szakolczay setzte sich mit diesem Thema mit äußerst großem Fachwissen auseinander und zitierte Auszüge aus Meisterwerken der ungarischen Minderheitenliteratur. Die bekannte Künstlerin LAURA FARAGÒ rezitierte Gedichte und trug Volkslieder und Volksballaden vor.

2. Am 29. Januar präsentierten wir die Kultur der Schokatzen aus Mohács in Wien. Die Schokatzen (kroatisch: Šokci) leben im südlichen Teil Ungarns (vor Allem in der Gegend von Mohács, Pécs und Siklós), in den zu Serbien gehörenden Ortschaften von Bacska, in der Nähe der Donau (Szond, Bácsbéreg, Monostorszeg, Zombor), sowie in einzelnen Gegenden im kroatischen Slawonien. Laut dem Vortrag der Völkerkundlerin Dr. ESZTER CSONKA-TAKÁCS, Mitarbeiterin des Freilichtmuseums Szentendre, zogen sie vermutlich während der Türkenherrschaft von heute bosnisch-herzgowinischen Territorien in die entvölkerten Gebiete im einstigen Südungarn.

An diesem Abend trat das Tamburizzaorchester Sokadija mit großem Erfolg auf. Das Ziel des Orchesters besteht in erster Linie darin, die alte Volksmusik der Schokatzen von Mohács sowie all jene örtliche Traditionen neu zu beleben und zu pflegen, die mit der Kultur der Schokatzen von Mohács eng verbunden sind. Nach dem gelungenen Programm hatte man die Möglichkeit verschiedene Weinsorten des Winzerhauses Planina zu verkosten.

Die Busó-Umzüge von Mohács wurden am 30. September 2009 auf die UNESCO- Weltkulturerbeliste als geistiger Erbe aufgenommen.

Sokadija Tamburizzaorchester

3. Auf der Generalversammlung am 11. Februar berichtete die Club-Leitung vor den zahlreich erschienenen Mitgliedern über die Tätigkeit des Vereins. Anschließend haben wir uns den Videofilm des Vereinskassiers Mag. ENDRE KAUTNY über die ungarischen Gedenkstätten und Sehenswürdigkeiten in Bosnien-Herzegowina angesehen. Die wichtigsten Stationen unserer Reise waren Jajce, Travnik, Ilidzsa, Sarajevo und Mostar. Es ist allgemein bekannt, dass unsere Gruppenreisen vor Allem darauf abzielen, die Gedenkstätten der ungarischen Vergangenheit außerhalb der Landesgrenzen kennen zu lernen. In dieser Gegend sind sie reichlich vorzufinden. König Matthias organisierte von hier aus die Verteidigung Ungarns, Ludwig der Große wählte seine Gattin aus dieser Region, Benjamin Kállay wiederum versuchte den nationalen und wirtschaftlichen Aufstieg Bosniens einzuleiten. Und wenn man den Namen des Künstlers Csontvári hört, kommt einem sofort das Bild des Wasserfalls von Jajce in den Sinn. Anschließend wurde der Videofilm von Mag. PETER KOTSIS gezeigt, den er bei der Rundreise des „Europa”-Club in Österreich aufgenommen hat. Wir bewanderten die ungarischen Gedenkstätten in Salzburg am Mattsee, in Bad Ischl, Hallstatt, Rattenberg, Innsbruck und Kufstein.

Wir Ungarn ergründen auch im Ausland mit Vorliebe Ereignisse, Gegenstände oder Personen, die sich auf unsere Heimat und Nation beziehen und wenn wir fündig geworden sind, befassen wir uns mit ihnen mit Pietät. Unsere Ahnen sorgten dafür, dass wir im Ausland öfter Dinge vorfinden, die unser nationales Selbstbewusstsein berühren.” (Ormos Zsigmond)

4. Am 26. Februar kam es zur Präsentation der Stadt Sopron in Wien. Klára Ferenczy, Mitarbeiterin der Zeitschrift Bécsi Napló (Wiener Tagesblatt) beschrieb dieses Ereignis mit folgenden Worten: „Einen anspruchsvollen und unterhaltsamen Abend verbrachten wir am 26. Februar im Collegium Hungaricum. In einer Veranstaltung des ‚Europa’-Clubs stellte sich den Wienern und Wienerinnen Sopron, eine der schönsten Städte Ungarns, vor. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der von Ungarn, Deutschen und Kroaten bewohnten, an Denkmälern reichen Stadt Sopron, die seit der Volksabstimmung 1921 ‚treueste Stadt‘ genannt wird, und die berechtigt stolz auf ihre Naturschönheiten und das pulsierende kulturelle Leben ist, wurden von Bürgermeister Dr. TAMÀS FODOR im Rahmen eines Vortrages mit Filmausschnitten dargestellt.

Rührend und niveauvoll war der Auftritt des Bühnenensembles der westungarischen Universität zu Sopron. Nach Sándor Petőfis Gedicht Magyar vagyok (Ich bin ein Ungar) hörten wir eine auch heute aktuelle Novelle von István Fekete in Begleitung einer wunderbaren weiblichen Stimme. Ein nicht enden wollender Applaus und ein Mitsingen begleiteten die feurige, temperament- und humorvolle Aufführung des 1963 gegründeten und auch mit dem Niveaupreis ausgezeichneten Volkstanzensembles Testvériség (Brüderlichkeit), indem es eine Auswahl von Tänzen und Liedern der deutschen Minderheit von Sopron und Umgebung sowie auch ungarischen Tänzen dargeboten hat.

Die Mitwirkenden haben am Ende des Programms – bestehend aus stimmungsvollen, lustigen Weinliedern und Weingedichten, sowie aus traditionellen Studentenliedern der Universität Sopron – das begeisterte Publikum des voll ausgebuchten Hauses zu einer Weinverkostung des berühmten Soproner Blaufränkischen und köstlichen Grammelpogatschen eingeladen.

5. Am 6. März trat das mit finanziellen Problemen ankämpfende THÁLIA THEATER aus Kaschau mit dem Lustspiel FEKETE PÉTER (Schwarzer Peter) von Eisemann – Zágon – Somogyi in zwei Akten auf. Die 255 Gäste des bis zum letzten Platz ausverkauften Wiener Theatersaales sangen begeistert den berühmten Schlager „Fekete Péter öcsém…" (Brüderchen Schwarzer Peter…) mit.

6. Am 11 März waren TIBOR TORÓ T. (Temeschwar), geschäftsführender Vorsitzender des Siebenbürgischen Ungarischen Nationalrates, und Dr. PÁL CSÁKY (Preßburg), Vorsitzender der Ungarischen Koalitionspartei zu Gast bei uns zur Diskussion, ob es eine Autonomie in Siebenbürgen und Slowakei geben wird. Beide Referenten wiesen auf die Tatsache hin, dass der Begriff „Autonomie“ heutzutage auch in Westeuropa mit gemischten Gefühlen aufgenommen wird. Auch in Ländern Ostmitteleuropas mit einer repräsentativen ungarischen (und/oder anderen) Minderheit hat dieser Begriff einen so starken und pejorativen Bedeutung, dass er auch heute jede sachliche Verhandlung verhindert, wenn es um Möglichkeiten seiner Anwendung geht. In unserer, mit Minderheitenproblemen belasteten Raum, versteckt sich im Hintergrund des Widerstandes jene Formel, die – Grenzkorrektionen befürchtend – eine Autonomie mit dem ersten Schritt einer territorialen Trennung gleichsetzt. Der autonomistische ungarische Staatspunkt beteuert hingegen die These, dass eine Autonomie die politische Stabilität und die Möglichkeit der friedlichen Koexistenz für die Völker dieses Raumes mit sich bringen kann. Eine hohe Anzahl der Interessierten kehrte mit dem Eindruck heim, dass die Chance einer Autonomie in der heutigen Slowakei zurzeit geringer ist als in Siebenbürgen.

7. Am 19. März haben wir Eltern und Kinder zu einem Gedenkprogramm Elek Benedek eingeladen. Das Erbe von Onkel Elek wurde von den Vortragskünstlerinnen ORSOLYA BARDÓCZ (Urgroßenkelin) und KAMILLA DÉVAI NAGY präsentiert. Sie boten in ihrem Programm Märchen von Feen, vertonte Gedichte, szeklerische Volksmärchen und Kinderlieder dar. An diesem Abend traten ferner zwei Schüler der Wiener Ungarischen Schule – Hanna Mosó und Domokos Nagy – auf, die beim Wettbewerb von Märchenerzählern des DUNA TV 2009 mitgewirkt hatten. Domokos Nagy gewann dabei den 5. Platz.

Orsolya Bardócz und Kamilla Dévai Nagy

8. Am 17. April fand unsere Gedenktour zu Ehren des 150. Todestages des größten Ungarns ISTVÁN Graf SZÉCHENYI statt, den Lajos Böröndi aus Mosonmagyaróvár folgenderweise beschrieb: „Auf Initiative des Wiener „Europa“-Club verneigten sich die Ungarn aus Österreich – gemeinsam mit Vertretern der Ungarn in der Slowakei sowie den Széchenyi hochschätzenden Bürgern aus Mosonmagyaróvár – am 17. April mit einer ganztägigen Gedenktour. In Mosonmagyaróvár war es die Selbstverwaltung der Stadt und der Bürgerkreis Széchenyi, in Pressburg wiederum das Bündnis für Heimatkunde Pro Patria, sowie der Gebietsvorstand Szenc und Umgebung von Csemadok, die die Initiative unterstützten. Die eintägige Gedenktour, diente vor allem den Széchenyi-Kult am Leben zu erhalten, war aber auch ein Beweis dafür, dass die geteilte ungarische Bevölkerung der Region in den vergangenen zwei Jahrzehnten anhand von zahlreichen Veranstaltungen demonstrieren konnte, dass das geistige Erbe Széchenyis ein gemeinsames Gut ist, das ,grenzenlos’ gemeinsam gepflegt und gewahrt werden muss und kann.“

Wien – Herrengasse

9. Am 29. April waren bei unserer Veranstaltung im Collegium Hungaricum tschuwaschische Volkslieder in ungarischer Sprache zu hören. Die Tschuwaschen setzen ihre „Bierlieder” auch heute noch dafür ein, Geschwister, Verwandte zu versöhnen, alte Menschen und verwandtschaftliche Bewirtungen lob zu preisen. Sie tragen viele schicksalhafte Lehren in sich – mit einer Leichtigkeit und fast unbewusst. Hätte es diese „die Verwandten lobpreisenden Bierlieder” nicht gegeben, gäbe es auch sie selbst nicht mehr, meinen dazu die Tschuwaschen. Wie ist ein Drei-Millionen-Volk in der Lage, von dem ein Drittel zerstreut in Sibirien lebt, singend um seine Existenz zu kämpfen? Wie erneuert und bekräftigt es das verwandtschaftliche Bündnis in heiteren Liedern? In Bierliedern! Auf diese Fragen suchte der bekannte Märchenerzähler und Volkssänger ANDRÀS BERECZ die Antwort auch in Wien mit Sängern und Musikern aus der Slowakei und Ungarn – singend und musizierend.

10. Zwischen dem 12.-16. Mai fand unser kulturhistorischer Ausflug nach Norditalien statt. Während unserer Rundreise suchten wir – wie gewohnt – Gedenkstätten mit ungarischem Bezug in Verona, Mailand und Turin unter der Leitung des neu zum Generaldirektor des Ungarischen Nationalmuseums ernannten Historikers Dr. LÁSZLÓ CSORBA auf. 50 sich für die ungarische Geschichte und Kultur interessierende Wiener Ungarn machten sich auf den Weg, um unter den unzähligen Denkmälern eines wunderbaren mediterranen Landes Schauplätze und große Schätze des Ungarntums gemeinsam aufzusuchen, auf die die Nation mit vollem Recht stolz sein kann. Nach den mit den Türken und Habsburgern belasteten Jahrhunderten der ungarischen Geschichte erlebte das ungarisch−italienische Beziehungssystem durch die Tätigkeit der Kossuth-Emigration im 19. Jahrhundert erneut seine Renaissance: zahlreiche Ungarn kämpften ruhmvoll und erfolgreich in Garibaldis Heer für die italienische Einheit oder in der Armee der Monarchie gegen die Franzosen. Wir haben Kränze an Gräber gefallener ungarischer Soldaten in Villafranca, Solferino, Mailand und Turin niedergelegt. Nach der Besichtigung des Doms und des Grabtuches suchten wir die Gedenktafel von Lajos Kossuth an der Außenwand in der Casa in via dei Mille Nr. 22 auf, auf welcher nachstehender Text in Italienisch eingraviert ist:

LAJOS KOSSUTH

EHEM: GOUVERNEUR UNGARNS,

EIN VERBANNTER DER FREIHEIT

LEBTE LANGE ZEIT IN DIESEM HAUS

UND VERSTARB AM 20. MÄRZ 1894.

In der Parkanlage vor dem Gebäude (Garten Balbo) steht eine Büste Kossuths aus Bronze mit einer Marmortafel davor. Hier legte unsere Reisegruppe einen Kranz nieder. Anschließend brachten wir Blumen zum Grabmal des Obersts Dániel Ihász im Cimitero Monumentale (Denkmal-Friedhof). Ihász war einer der treuesten Anhänger Kossuths während seiner Emigration in Turin. In Vidin (Türkei) wurde er zum Adjutanten des „Gouverneurs“ ernannt, den er auch nach Turin begleitete. 1859 war er einer der Organisatoren der ungarischen Legion und nahm 1861 am Feldzug der Legion nach Neapel teil. Die Grabinschrift stammt von Lajos Kossuth selbst.

11. Unsere Programmserie ging am 10. Juni mit einem Konzert der Sängerin ANDREA MALEK zu Ende. Neben alten, sehr bekannten Liedern hat sie auch neue Kompositionen zum Besten gegeben. Die Andrea-Malek-Band wurde 2006 gegründet aus einer Gruppe von Musikern, die sehr gern miteinander musizierten. Die zahlreich erschienenen Zuhörer bedankten sich für den erfolgreichen Abend mit einem nicht enden wollenden Beifall.

Die Vereinsleitung